Das Jahr 1932 (Autodammbau) - Norderney - Chronik einer Insel

Insel Norderney
53° 42' 26" N 7° 9' 22" E
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Insel/Stadt | Chronik | 1932 | Autodammbau
1932 - Autodammbau
In den vergangenen Jahrzehnten gab es immer wieder Pläne, die Nordseeinsel Norderney durch einen Dammbau quer durch das Watt mit der ostfriesischen Festlandsküste zu verbinden. Die mehr oder minder konkreten, teils auch verwegenen Projekte kamen allesamt über das Entwurfsstadium nicht hinaus oder scheiterten an den enormen Kosten und blieben somit Utopie. Bei jeder neuen Planung standen sich Befürworter und Gegner unversöhnlich gegenüber. Manche Diskussionen zogen sich über Jahre hin. Aus heutiger (2011) Sicht wären derartige Überlegungen schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Der Nationalpark und das Weltnaturerbe Wattenmeer würden solchen Initiativen von vornherein einen Strich durch die Rechnung machen.

Die ersten Pläne für einen Dammbau, der sowohl die motorisierten Fahrzeuge als auch die Eisenbahn aufnehmen sollte, tauchten bereits 1925 auf, wurden aber zunächst nicht weiter verfolgt. Vier Jahre danach befassten sich interessierte Kreise schon ernsthafter mit dem Thema. Im Herbst 1929 legte eine damit offiziell beauftragte Studienkommission den Entwurf für eine durchgehende Autostraße vor, die im westfälischen Münster begann und über Lingen. Leer und Emden zur ostfriesischen Küste nach Norddeich führte. 1930 gründeten die daran interessierten Städte, öffentlichen Körperschaften, Verkehrsverbände und Automobilclubs eine "Arbeitsgemeinschaft zur Förderung einer Autoschnellstraße Münster-Nordsee". Unterstützung fanden die Initiatoren im damaligen Reichsverkehrsministerium in Berlin, das gleichfalls Pläne für ein solches Straßenprojekt in der Schublade hatte. Der nunmehr ins Spiel gebrachte Endpunkt "Nordsee" statt "Norddeich" deutete an, dass man durchaus noch einen Schritt weiter gehen und die in der Öffentlichkeit bereits diskutierten Wünsche der Nordernever nach einer Streckenverlängerung der Autotrasse bis zur Insel berücksichtigen wollte. Allen Ernstes kam 1932 der Dammbau als "Notstandsmaßnahme" vor dem Hintergrund der überall in Deutschland herrschenden Arbeitslosigkeit ins Gespräch. Die schwierige wirtschaftliche und finanzielle Lage im Reich war eine Folge der damaligen Weltwirtschaftskrise. Während der nationalsozialistischen Ära zwischen 1933 und 1945 erhielt ein Autobahnnetz zwischen den Großstädten und Ballungszentren allerdings den Vorzug. Abgesehen von der Trasse Bremen-Hamburg blieb der Nordwesten links liegen.

1920/1930er-JahrenOffensichtlich aus den 1920/1930er-Jahren stammt eine alte, hier abgebildete Postkarte, die unter dem Titel "Der neue Weg zum Paradies der Nordsee" für den Bau einer Autostraße zwischen dem Festland und der Insel warb. Die Trasse sollte zwischen Norddeich und Hilgenriedersiel beginnen, auf der Insel südöstlich vom Leuchtturm enden und von dort zum Hafen führen. Um die Wattfläche für den Straßenbau zwischen der Küste und der Insel zu verengen und zu verringern, planten die Initiatoren sowohl im Küstenbereich als auch an der Südseite der Insel die Gewinnung von Neuland "für Siedlungszwecke". Die vom Staatlichen Nordseebad Norderney herausgegebene Karte forderte - wie auf der Rückseite vermerkt ist -die Benutzer auf, "dieses deutsche Kulturwerk" zu unterstützen. Die Vervielfältigungsrechte für die Postkarte lagen bei einer "Terrain- und Straßengesellschaft Norderney, Postfach 16".

Anfang der 1950er-Jahre flammte die Diskussion um einen Dammbau nach Norderney erneut auf, diesmal noch lebhafter als in den Jahren zuvor. Auslöser war der geplante Bau einer Umgehungsstraße, die das Norder Stadtgebiet vom zunehmenden Kraftfahrzeugverkehr entlasten sollte. Doch die Kaufmannschaft der Küstenstadt, die wirtschaftliche Nachteile befürchtete, sprach sich damals vehement gegen eine weit um Norden herumführende Trasse aus und sah die Lösung in innerstädtischen Umleitungen. Anfang Mai 1953 kam daher der niedersächsische Landesbaurat Damm nach Norden und äußerte sich zur Situation. Er sprach sich klar für eine vom Bund finanzierte "große Umgehung" aus. Innerstädtische Umleitungen seien dagegen mit erheblichen Kosten verbunden, die allein von der Stadt getragen werden müssten. Eine gute Fernverkehrsstraße hingegen werde in erster Linie den Fremdenverkehr "in ungeahntem Maße anziehen", vor allem dann, wenn ein seit längerer Zeit diskutierter Dammbau nach Norderney realisiert werde. In einem solchen Fall könne Norden davon ausgehen, dass das Bundesverkehrsministerium schon in fünf Jahren eine Umgehung für rund zwei Millionen DM bauen werde. Doch auch dieses Vorhaben blieb eine - zudem heftig umstrittene - Utopie.

Den nächsten und letzten Vorstoß unternahm im Februar 1968 das bereits ins Handelsregister eingetragene Unternehmen Norderney-Schnellweg GmbH, das einen bis zu fünf Kilometer langen Dammbau "zum Zweck des Verkehrs von Personen und Gütern sowie allen hiermit zusammenhängenden Geschäften" realisieren wollte. Einer der Gesellschafter war der Norderneyer Hotelier Jürgen Niemeyer.

Nach Aussagen von Niemeyer sollte die Schnellstraße vom Festland aus entweder in Höhe von Hilgenriedersiel oder östlich von Norddeich im Bereich des Mandepolders nach Norderney geführt werden und hier in der Nähe des Leuchtturms auf die Insel treffen. Das Bauwerk sollte das Watt an der "Wasserscheide" durchqueren, also an der Stelle, an der sich bei Flut die westlich und östlich der Insel ins Watt strömenden Wassermengen treffen. Um den Schifffahrtsweg nach Baltrum auch künftig zu gewährleisten, sollte der Damm als Mittelstück eine Brücke erhalten. Die Kosten wurden mit rund 15 Millionen DM veranschlagt. Die offensichtlich kapitalkräftigen Investoren begründeten den Plan vor allem mit wirtschaftlichen Vorteilen für Norderney.

Die Norderneyer selbst waren geteilter Meinung. Die eine Seite befürchtete den Verlust des Inselcharakters und eine schwere Belastung durch den ungehinderten Autoverkehr. Die andere Seite setzte auf Profit und versprach sich eine beträchtliche Steigerung des Fremdenverkehrs.

Doch auch dieser Plan kam nicht zum Zuge. Eine Realisierung wäre mit erheblichen Folgen für das empfindliche Ökosystem des Wattenmeeres, für die Fischerei und die AG Reederei Norden-Frisia verbunden gewesen.

Wie der Dammbau scheiterte im Frühjahr 1971 auch die vom Hafenbauamt Bremen entwickelte Idee, im Wattengebiet zwischen der Festlandsküste und Norderney einen Großflughafen zu errichten. Mit der Planung befasste sich bereits eine gemeinsam von Bremen und Niedersachsen eingesetzte Kommission.

Bericht aus der Serie "Heim und Herd" des Ostfriesischen Kuriers vom 23.04.2011
von Johann Haddinga
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