Die Insel Norderney

Norderney Flagge der Insel
53° 42' 26" N 7° 8' 49
Chronik einer Insel

 

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Norderney Kurier (Serie erschien vom 27.10.2017 - 23.11.2018)

"Nur für Kurgäste"

Wenn es von Tomma Jürgens früher in der Badezeitung etwas zu lesen gab, ging es um "Oll Tieden". Sie hatte immer einen Zettel und einen Bleistift in der Tasche ihrer Kittelschürze,um die Gedanken für ein Gedicht oder ein Vertellsel (Erzählung) sofort aufzuschreiben. Ihre Erinnerungen wurden von den Norderneyern gern gelesen. Und weil sie so warmherzig zu Papier gebracht wurden, passt es auch, sie noch einmal für die heutigen Bewohner abzudrucken. Denn vieles, was man darin liest, ist heute undenkbar.

Tomma Jürgens schreibt: Die Badezeit ist vorbei, der Strand liegt nun kahl, ist verwaist und alle Badegäste sind abgereist. Vor manchen Wochen war da noch viel Lust und Leben. Allein sind wir auf unserem Eiland geblieben. Nun wird es wieder Winter, der macht das Wetter nach seinen Lüsten, und wir können uns auf lange Winterabende rüsten. Dann sitzen wir in der Stube bei einem Glas Grog und denken zurück und fragen: "Weetst noch? Weetst noch?"

Die Gedanken und das Erzählen gehen so weit zurück, auf einmal sind wir in unserer Kinderzeit angekommen. Viel war früher schöner als heute und ruhiger. Und vor allen Dingen, das gab es nicht: nächtliches Grölen und Singen. Alle hatten noch Respekt vor einem Polizisten und man hielt sich streng an die Vorschriften. Kein Hund durfte blaffen, kein Hahn durfte krähen, kein "Feegsel" (Dreck) durfte auf der Straße liegen.

Die Pensionen, Hotels und auch die Betriebe hatten viel zu tun, nur wir armen Norderneyer Kinder, wir mussten darunter leiden. Wir durften nicht in die Kuranlagen, nicht an den Strand, durften nicht einmal sitzen auf einer Kurverwaltungs-Bank. Hatten wir uns einmal mit unserer Puppe auf dem Arm hingesetzt, kam sofort einer von der Strandaufsicht und brüllte: "Macht, dass ihr wegkommt, ihr wisst doch, dass ihr hier nicht sitzen dürft. Auf dem Schild ist groß und deutlich ‚Nur für Kurgäste‘ zu lesen!" Wir mussten in die Dünen, da war unser Platz, waren wir woanders, gab es gleich Rabatz.

In den Sommermonaten wurden von der Kurverwaltung mehrere "Grünröcke" (Aufsichtspersonen in Uniform) eingestellt, und die waren für uns Kinder Respektspersonen. Waren wir am "Püttenstrand" (Weststrand) und auf der Wandelbahn, kam gleich ein Grünrock und brüllte: "Macht, dass ihr wegkommt, marsch in die Dünen!" "Ochör, ochör! Onkel, da kommen wir doch gerade her." Baden durften wir auch nicht, aber unsere Lehrerin ging mit 40 Kindern in der Turnstunde einmal in der Woche zum Nordstrand und machte mit ihnen Schwimmübungen. Im Zeugnis stand im Herbst dann unter Turnen eine: "Een" (Eins).

Das größte Vergnügen für uns war,wenn im Sommer ein Sturm mit Unwetter aufkam. Dann gingen wir zur Ecke des Hotels "Germania". Da flogen die Hüte von den Badegästen weg und die "Kreissägen", die rollten bis zu den Strandhallen hin. Wir sammelten die Hüte und Mützen wieder ein und gaben sie den Gästen zurück. Dafür bekamen wir meistens einen halben Groschen und die ganz "Rejalen" (Großzügigen) gaben sogar 50 Pfennig.

Ich könnte noch weiter erzählen, aber für heute ist es genug. Dafür greife ich ein anderes Mal wieder nach meinem "Penn" (Bleistift).

Badegäste
Für Badegäste war es immer ein Erlebnis, sich mit einem "Grünrock" und einem Portier des Kurhauses ablichten zu lassen. Das Foto zeigt den Maurer Johann Extra (oben Mitte, Kreuz) und Sattler Max Griska (links neben Extra). Die Badepolizei, Grünröcke genannt, gab es von 1912 bis 1969. Sie wurden nur als Saisonkräfte eingestellt und gingen in der übrigen Zeit ihren erlernten Berufen nach. Ausgerüstet waren sie mit einer Waffe, einem Hirschfänger, der auf der linken Hüfte hing. Nach 1918 wurde das Messer an der Scheide aus Sicherheitsgründen festgelötet.

feurigste Insel-Ecke
Tomma Jürgens beschrieb damals schon die Situation der Wind-Ecken, die es auch noch gibt: Straßenschluchten, die wie Schornsteinzüge wirken. Auf der Ansichtskarte aus dem Archiv von Jochen Pahl ist die feurigste Insel-Ecke am Germania und Roode Huus zu sehen. Jeder, der schon einmal dort in den Damenpfad eingebogen ist, kennt den Windsog und die Nasskälte, die einem ins Gesicht schlägt. Selbst wenn man denkt, dass es windstill ist, ist hier immer ein Durchzug zu spüren. Wenn wir als Kinder die Großeltern im Damenpfad besuchten und bei Cassen Eilts um die Ecke kamen, sagten wir: "Hier ist es wie in Sibirien."

Albert Bojunga
Hier sieht man Albert Bojunga (94) in voller Seenotretter-Ausrüstung bei einer Übung mit dem Ruder-Rettungsboot "Fürst Bismarck". Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Bojunga von der englischen Besatzungsmacht auf der Georgshöhe als Beoachter für den großen Schifffahrtsweg eingesetzt.

Jann Ulrichs
Jann Ulrichs (95) bekam von seinen Kollegen den Beinamen Gandhi. Man nannte ihn aber auch Rubb (Robbe): Er fiel einmal zwischen Dampfer und Kaimauer ins Wasser und als er wieder mit nassem Bart auftauchte, rief einer: "Da schwimmt eine Robbe."

Die Wippe
Die Wippe, ein Handwagen, war früher der Mercedes des kleinen Mannes. Heinrich Imels (rechts, 92) war Großhändler für Wasch- und Reinigiungsmittel sowie für Margarine. Auf dem Bild, das um 1937 in der Poststraße entstand, werden gerade sechs Holzkisten mit Würfel-Margarine der Marke "Setta" dem Feinkosthändler Ihno Lührs (Zweiter von rechts) übergeben.

Villa Alida
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die "Villa Alida" von der Eigentümerin M. Harenberg an die Gemeinde Norderney verkauft. Bis 1914 war das Haus ein Pensionat und Logierhaus. Von 1914 bis 1918 wurde die Villa als Offiziersheim für verwundete Soldaten, die hier eine Kur machten, genutzt. Das Reitinstitut de Bloom in der Nachbarschaft hielt für den morgendlichen Ausritt Reitpferde bereit. Nach der Inflationszeit standen 1927 sieben Norderneyer Familien im Adressbuch, die dort ihre Wohnung hatten. Auch Jann Rass (90) und seine Familie wohnten im jetzigen Mietshaus Tannenstraße 2. Heute lebt sein Enkelsohn Hans-Joachim Rass noch auf Norderney und ist Angestellter bei der Stadtverwaltung. Er hat die tiefe Stimme seines Opas geerbt. Hätte Rass das alles gewusst, hätte er gesagt: "Nüms sleiht sin Kinner doot, weetst nie, wat drut worden deiht" (Niemand schlägt seine Kinder tot, man weiß nie, was draus wird).

Swarte Katt (90)
Jann Rass, Langestraße 8, später Tannenstraße 2 (Villa Alida), war von Beruf Seemann. Seine Eltern hatten oft Besuch von einem männlichen entfernten Verwandten aus Bremerhaven. Nach einer langen Seereise wieder zu Hause, soll er in Richtung dieses Mannes gefragt haben: "Is dat noch de swart Katt van fröher?" (Ist das noch die schwarze Katze von früher?) So hatte Jann Rass seinen Beinamen weg. Der Verwandte hat die Insel angeblich nie wieder besucht…

Mal Danie (91)
Daniel Rass, Kirchstraße 5, war schon in seinen jungen Jahren sehr krank. Er litt an einer Bewusstseinsspaltung.

Rood Imels (92)
Heinrich Imels, Winterstraße 7,war Handelsvertreter und hatte rötliche Haare. Er war bekannt durch seine Zeitungsannonce in der Badezeitung, in der er einen Gehilfen suchte.Er schrieb unter anderem: "Ich fahre meinen Wagen selber." Gemeint war sein Handwagen (Wippe). Der gesuchte Gehilfe sollte damit wissen, dass Imels kein Auto besaß.

Swart Imels (93)
Peter Imels, Gartenstraße 45, war Architekt und hatte schwarze Haare. Mit den Beinamen konnte man die Imels (92 und 93) auf Norderney auseinanderhalten.

Potifa (94)
Albert Bojunga, Tannenstraße 4, war Seemann und gehörte auch zur Besatzung eines Norderneyer Rettungsbootes. Bojunga war ein ruhiger Mann und hatte "heilende Hände" (Knochenbrecher). Der Name Potifa ist die plattdeutsche Entsprechung des hohen ägyptischen Beamtens Potiphar aus der biblischen Josefs-Geschichte. Nach dem Tode von Bojunga haben die Erben sein Haus an einen Norderneyer verkauft, der nach gründlicher Renovierung dem Gebäude den Namen "Haus Potifa" gab.

Gandhi (95)
Jann Ulrichs,Goebenstraße 3, (Schwiegersohn des Fischers Ulrich Ulrichs) war bei der Reederei Norden-Frisia angestellt. Er arbeitete in der Fahrkartenkontrolle und hatte große Ähnlichkeit mit dem indischen Ministerpräsidenten Mahatma Gandhi.

Bello (96)
Hans Buss, Janusstraße 10, war bei der Reederei Norden-Frisia als Verwaltungsangestellter und Prokurist beschäftigt. Er war der Sohn von Hermann Buss (Kukirol, 97). Hans Buss, der viele Norderneyer Döntjes schrieb, hatte eine sehr tiefe Stimme und war sehr bestimmend. Krach durfte man mit ihm nicht haben, sonst "bellte" er (daher Bello).


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Teil 10 - 05.01.2018
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