Die Insel Norderney

Norderney Flagge der Insel
53° 42' 26" N 7° 8' 49
Chronik einer Insel

 

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Norderney Kurier (Serie erschien vom 27.10.2017 - 23.11.2018)

Jeder Anfang hat auch ein Ende

Nach längerer Unterbrechung aufgrund des Ablebens des Autors wird die Serie über Norderneyer Ökelnaam nun zu Ende geführt. Die Unterlagen hatte Bonno Eberhardt noch zu seinen Lebzeiten weitestgehend vorbereitet. Die Redaktion dankt der Familie Eberhardt sowie Alwin Visser, Etzard Pleines, Hanna Schultz, Hans Hermann "Jumbo" Kramer und den Teilnehmern des Erzählcafés für die Mithilfe bei der Fertigstellung.

Stiefbeen Fischer (261)
Carl Ernst Fischer, Winterstraße 21, war Maurermeister und Ausrufer. Um 1905 hat er sein Logierhaus "Villa Carmen" gebaut. Geheiratet hat er 1897 Theda Engelina Lengerhuis. In dieser Ehe wurden acht Kinder geboren. Fischer hatte einen Arbeitsunfall und behielt danach ein steifes Bein. Weil zu der Zeit 18 Familien mit Namen Fischer auf der Insel wohnten und im Durchschnitt bis zu acht Kinder hatten, bekam er diesen Beinamen. Sein Beruf hat er aufgegeben, danach wurde er im Adressbuch als Logierhausbesitzer benannt.

Baron (262)
Alfred Strecker, Luisenstraße 12 (Hotel Reichsadler), war Seemann und Fischer. Strecker, geboren am 11. November 1923, war im Zweiten Weltkrieg bei der Marine. Danach arbeitete er zunächst wieder als Fischer (Partsmann). Später heuerte er beim Wasserbauamt an und fuhr auf dem Tonnenleger als Decksmann. Er war ein großer, kräftiger Mann und hatte beim Gehen einen etwas langsamen, majestätischen Gang mit gerader Haltung und einen ernsten Gesichtsausdruck. All das entsprach einem Adligen. Deshalb bekam er von seinen Arbeitskollegen am Hafen den Beinamen "Baron". Alfred Strecker war verheiratet und hatte vier Kinder.

Lügenlord (263)
Hinrich Claussen, Gartenstraße 3, war von Beruf Klempner. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er Wattführungen und erzählte den Gästen mit viel Witz und Unsinn so manches Döntje. Jahrelang hatte er einen Prozess mit seinem Konkurrenten Hermann "Hermännchen" Visser (253). Beim Straßenfischverkauf mit dem Handwagen (Wippe) wollte er die Scharben für Schollen verkaufen, die sein Bruder Johannes vorher mit dem Kutter "Baldur" gefangen hatte. Wegen dieser Eigenschaften bekam er den Beinamen "Lügenlord".

Groot Jan (264)
Wilhelm Fischer, Kirchstraße 13, war Pastor auf Norderney. Wie der Name genau Zustande kam, ist heute nicht mehr zu erfahren. Der Name Got Jan oder Groot Jan wird in allen Ökelnamen-Listen, die auf der Insel im Umlauf sind, mit aufgeführt.

Dorfbarbier (265)
Siebold Visser,Jann-Berghaus-Straße 22, war von Beruf Arbeiter. Nach Feierabend ging er zu den alten Leuten ins Haus und schnitt ihnen die Haare. So bekam er seinen Beinamen "Dorfbarbier". Sein Hobby war die Jagd auf der Insel. Er konnte mit bloßer Hand ein Kaninchen oder einen Hasen im Bau aufspüren und greifen. Nach dem Tod des Tieres kam es in einen kleinen Sack, den er immer mit sich führte, wenn er in die Dünen ging. Da das "Wildern" verboten war, versteckte er den Sack zwischen seiner Weste und Jacke. Zu Hause wurde das Kaninchen bratfertig zubereitet. Ab und zu verkaufte er auch ein Tier, um sich damit ein kleines Zubrot zu verdienen.

Villa "Carmen"
Carl Ernst Fischer (261) hatte einen eigenen kleinen Omnibuswagen, mit dem er die Gäste seiner Villa "Carmen" vom Hafen und zum Hafen kutschierte. Sein Kutscher trug extra eine Kutscheruniform, damit die Gäste sofort erkannten, mit welchem hauseigenen Wagen sie vom Hafen zum Quartier gefahren wurden. Das große Haus wurde fast nur von Familienangehörigen geführt. Im Frühjahr kamen die "Maiden" dazu, die für die Sauberkeit der Zimmer und für die Wäsche zuständig waren. Heute sind nach Abriss des Gebäudes dort Eigentumswohnungen entstanden und der Name wurde in "Drei Jahreszeiten" umbenannt.

um 1950
Alfred Strecker (262, links) um 1950 mit einem Bekannten (eventuell Klaus Koppelmann) auf "Landgang". Hier auf der Promenade am Weststrand in der typischen Bekleidung der 50er Jahre, mit Windjacke und den breiten "Hosenpiepen". Auffallend auch die blank geputzten Halbschuhe. Das war damals ein "Muss". Die Norderneyer Jungs sagten, wenn sie sonntags irgendwo hingehen wollten: "Wir ziehen unser Bierpäckchen an."

Straßenkreuzung Jann-Berghaus-/Mühlenstraße
Ein seltenes Foto an der Straßenkreuzung Jann-Berghaus-/Mühlenstraße. Links die Wattführer Hinrich Claussen (263) und Karl Schormann.Rechts die Kanalkolonne mit: Emil Stuhr (Herzilein), Johann Visser (Bubi Jöd) und Enno Kruse. Alle fünf auf dem Bild sind Norderneyer Originale.

Wilhelm Fischer
Wilhelm Fischer (264) war von 1925 bis 1959 evangelisch- lutherischer Pastor auf Norderney. Fischer hat 34 Jahre lang das Pastorenamt ausgeführt und war somit der am längsten amtierende Seelsorger auf der Insel. Seine Gemeinde hatte in all den Jahren zirka 3.000 Mitglieder, die er betreute. Im Sommer hatte er Hilfe durch einen Kurprediger vom Festland. Pastor Fischer war ein großer, kräftiger Mann und stellte eine Persönlichkeit dar. Er hat viele Familienangehörige getauft, konfirmiert, verheiratet und begraben. Das Bild zeigt ihn mit seinen gerade konfirmierten Jungen und Mädchen auf dem Weg von der Kirche zum Pfarrhaus.

Schlußwort

Nach nun 43 Folgen im Norderney Kurier - fast ein Jahr lang - über die Mentalität der Norderneyer aus alten Zeiten zu berichten, geht diese Serie zu Ende. Es war gewagt, über Personen etwas zu schreiben, bei dem in Umrissen ihr Lebenslauf beschrieben wurde. Ich habe aber dieses Thema der Ökelnamen gewählt, weil ich noch viele dieser Leute kannte und ich konnte mich genau in die Zeit versetzen, wo und wie sie gelebt haben. Außerdem bin ich der Meinung, dass so etwas nicht vergessen werden darf. Wie die Nachwelt damit umgeht, weiß ich nicht. Es sind zwei DIN-A4-Ordner geworden, gefüllt auch mit weiteren Bildern, die aus Platzgründen in der Zeitung nicht gedruckt werden konnten.

Heute haben wir eine andere Zeit, in der alles hektischer geworden ist. Ein Einzelverdiener in einer Familie ist zu einer Seltenheit geworden. Früher war die Ehefrau das Rückgrat ihres Mannes. Wie der Mann gekleidet war, ob die Schuhe geputzt sind, ob alles tipptopp ist, daran wurde die Ehefrau bewertet. Diese Lebensweise ist auch von der Natur dem Menschen mitgegeben. Ich habe einmal geschrieben: "Nur mit Mann und Frau lässt sich leichter der Lebenskarren durch die einem von Gott gegebene Zeit ziehen." Das galt früher, heute und in der Zukunft auch,da kann das "Moderne" machen, was es will.

Eine große Hilfe für meine Dokumentation waren meine Freunde Hans-Hermann Kramer, Etzard Pleines und Jochen Pahl. Ohne deren Mithilfe an Insel-Wissen und den historischen Bildern hätte ich dieses umfangreiche Werk nicht machen können. Ein besonderer Dank geht an die Redaktion des Norderney Kuriers. Ohne deren journalistischen Beistand wäre es nicht gegangen, denn ich bin Handwerker und kein "Kopfwerker". Dankbar bin ich auch den Norderneyern, die mir ihre Familienfotos zur Verfügung gestellt haben. Dass mir die Luft von "Vertellsells" nicht ausgegangen ist, verdanke ich der Sammlung des Geschriebenen in der Badezeitung. Damals stand das Plattdeutsche noch im Vordergrund. Leider geht das heute nicht mehr, weil wir hier auf Norderney eine andere Bevölkerungsstruktur bekommen haben und diese kann unsere Heimatschrift nicht immer lesen. Spaß gemacht hat mir das Schreiben auch, weil man mitunter seine eigenen Versionen in einer Anekdote unterbringen konnte. Ich hoffe, dass einige Leser es verstanden haben.

All das, was ich aufgeschrieben habe, kommt nicht wieder. Die "Originalen Zeitgenossen" in der damaligen Zeit sind Vergangenheit. Heute kann man sagen, die Einwohner von früher hatten kein leichtes Leben, aber ihre Lebensfreude haben sie auch gehabt nach dem Motto: "Was ich nicht weiß,macht mich nicht heiß".

In der heutigen Gegenwart ist der Einwohner geprägt von weniger Solidarität an der Tagesordnung. Wir sind eine Gesellschaft geworden, in der das Geld im Vordergrund stehen muss. Viele haben vergessen, dass wir auf einer Insel leben und hier die Natur die Gesetze vorgibt. Ich bin mit dem Jahr 1871 (Isern Hillerk) angefangen, und bis 1989 waren es 118 Jahre Inselgeschichte, die auf Papier geschrieben und von Hans-Helmut Barty ins Internet gestellt wurden. Wenn jetzt die heutigen Bewohner, die ihre Insel lieben, sich über die Zukunft Norderneys Gedanken machen, und 118 Jahre im Voraus sehen könnten, wird sicher Besorgnis aufkommen. Die Entwicklung der letzten 100 Jahre war so rasant, dass man staunt, wie alles bisher verkraftet wurde. Ein "weiter so" ist kaum vorstellbar. Düstere Wolken zeigen sich schon am Himmel. Klimaveränderung, ein höherer Wasserstand, kühle Sommer und wärmere Winter und so weiter - all das wird ein Mehr an Wachstum nicht zulassen. Eine Rezession auf dem Festland wird dann den Engpass auf der Insel noch beschleunigen. Fest steht aber heute schon, die Lebensqualität auf einer Insel zu leben, wird nicht mehr so sein, wie ich sie gekannt habe. Hoffentlich habe ich mich mit meiner Auffassung geirrt.

Da die Welt sich aber immer weiterdreht und wir Menschen anpassungsfähig sind, stirbt die Hoffnung zuletzt.

Als die alten Norderneyer merkten, dass es ihnen gut ging und der eingeführte Luxus bezahlbar wurde, sagten sie: "Wenn es einem gut geht, darf es gern noch ein bisschen besser werden", und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl sagte: "Wir sind eine Spaßgesellschaft geworden." Dem ist nichts hinzuzufügen, denn immerhin hat die Kurverwaltung heute sogar "Schlafstrandkörbe" eingeführt, die den zeitlichen Nerv treffen.Mittlerweile haben auch hier die Verantwortlichen ausfindig gemacht: "Is neet eenfach, an anner Lü Geld to komen".

Liebe Mitbürger, ich hoffe das Ihnen mein "Geschreibsel" etwas Freude bereitet hat. Es war für jeden etwas dabei, zum Schmunzeln und ernsthafte Darstellungen, die zum Nachdenken einladen.

Bleibt gute Menschen.
Bonno Eberhardt, sen.


Ökelnaam

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Teil 10 - 05.01.2018
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Teil 43 - 23.11.2018

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