Die Insel Norderney

Norderney Flagge der Insel
53° 42' 26" N 7° 8' 49
Chronik einer Insel

 

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Norderney Kurier (Serie erschien vom 27.10.2017 - 23.11.2018)

Mit Eseln und Ziegen über den Strand

Theo Rass (211) hatte an seiner rechten Hand nur den Daumen und einen kleinen Zeigefinger. Er war ledig und wohnte bei seiner Mutter. Von Beruf war er Arbeiter, und um seinen Lebensunterhalt etwas zu verbessern, pachtete er in den Sommermonaten von der Kurverwaltung den Eselstall. Dieser stand östlich des Argonnerwäldchen, wo vor dem Stall eine kleine gepflasterte Straße zum Westrand verlief.

Am Anfang des Sommers bekam Rass für die Norderneyer Badesaison von einem Bauern aus dem Norderland gegen Entgelt ein paar Esel und Ziegen ausgeliehen. Die Ziegen spannte er vor einen großen Bollerwagen, und die Kinder der Badegäste konnten am West- und Nordstrand dieses Gefährt kutschieren. Norderneyer Jugendliche passten auf, dass nichts passierte. Die Esel wurden von den schon älteren Jugendlichen als Reittiere benutzt. Diese Attraktion war bei den Kurgästen sehr beliebt, und so manche Mütter begleiteten ihre Töchter, die auch gern nur reiten mochten, und passten auf, dass sie nicht aus dem Reitsattel fielen.

Rass hatte mit den Tieren im Sommer ein gutes Einkommen. Im Herbst brachte er die Tiere zum Hafen, sie wurden mit der Frisia zurück nach Norddeich gebracht und dort vom Eigentümer abgeholt.

Rass zahlte für die Tiere eine Frachtpauschale. Nachdem er die Tiere auf dem Dampfer unter der Überdachung am Schiffsbug angebunden hatte, bat einmal der Matrose, der die Fahrkarten kontrollierte, ihm seine zu zeigen. Rass sagte: "Ik bruk keen, ik hör to de Esels." (Ich brauche keine, ich gehöre zu den Eseln.) Der Matrose sagte daraufhin: "Dann blievst du buten bi dien Deren." (Dann bleibst du draußen bei deinen Tieren.) Rass musste die ganze Fahrt bis Norddeich an Deck bleiben und in der Kälte ausharren. Auf der Rückfahrt musste er bezahlen.

Der Weg, auf dem die Esel zum Westrand liefen, hieß bis zur Weststrandstraße "Esel-Weg". Die Gegend nannte man auch "Püttenstrand". Hier wurde das Seewasser noch von den Badebediensteten mit Eimern (Pütten) zum alten Warmbadehaus befördert. Dort wurde es in großen Kesseln mit Torfbefeuerung für die Warmwasserkuren der Kurgäste erhitzt. Vielleicht könnte diese Behandlung der Vorläufer der heutigen "Thalasso-Kuren" gewesen sein.

Der Name Esel-Weg ist im Laufe der Jahre inVergessenheit geraten. Heute geht ein Gerücht um, dass die Norderneyer Ratsmitglieder der jetzigen, kleinen gepflasterten Straße, den Namen "Poppe-Folkerts-Straße" geben wollen. Hier gibt es von den meisten Insulanern vollste Zustimmung.

Theo Rass hatte noch eine große Leidenschaft, das Tanzen. An den Wochenenden ging er geschniegelt und gebügelt in die großen Norderneyer Tanzlokale. Nach dem ersten Tanz winkte er einmal mit seinem kleinen Zeigefinger der Kapelle zu und sagte: "Walzers mutten dor kommen" (Walzer müssen da kommen) - und tatsächlich spielte die Tanzkapelle ihm zu Ehren einen schönen Walzer. Rass war ein Norderneyer Original und war mit seinem Leben zufrieden. Heute würde man zu einem Menschen, der von seiner Mutter noch gepflegt und versorgt wird, sagen: "Danke Gott, wenn du noch eine Mutter hast."

Weststrand
Die Reitesel und Ziegengespanne waren Attraktionen für die Kinder. Der Eselstall wurde von der Badeverwaltung verwaltet und stand östlich des Argonnerwäldchens.
Weststrand

Jakob Weber
Jakob Weber (208) hatte das Fischerboot "Nordsee", mit dem er im Sommer auch Lustfahrten unternahm. Wenn er seine weiße Schirmmütze trug, machte er Werbung für die Fahrten. Er beklebte auch die Litfasssäulen mit Werbeplakaten.Man sah ihn dann mit einem kleinen Kleistereimer am Fahrrad durch den Ort fahren. Die Familie Weber hatte einen Sohn Heinrich, der Bote wurde. Enkel und Urenkel übernahmen das Geschäft (Bote Weber).

Jakob Rath
Jakob Rath (207) war 1884 Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr auf Norderney. Da er von Beruf Zimmermann war, wurde er als "Steiger" eingesetzt. Die Steigergruppe galt als Elitetruppe. Weil die Männer vom Bau kamen und kopffest (schwindelfrei) waren, konnten sie die großen Leitern besteigen.

um 1960
Von Theo Rass (211) ist leider kein Bild vorhanden. Edzard Pleines hat um 1960 diese Zeichnung erstellt, auf der man das Wohnhaus seiner Mutter Hiema, Jann-Berghaus-Straße 57, gut erkennen kann. Heute hat sich dieses Viertel ( Jann-Berghaus-/ Lucius-/Langestraße) total verändert. Dort, wo das Elternhaus von Theo Rass stand, ist heute ein Fahrradgeschäft. Die Substanz des Unternehmens Feinkost de Boer ist noch zu erkennen. Heute ist dort ein Vermietbüro beheimatet. Kümmerling, Ludwig Müller - alles ist Vergangenheit. Das Milchgeschäft von Ludwig Brinkmann ist heute das Wohnhaus seiner Nachkommen (Molly) mit Fahrradwerkstatt.

Edo Reverts (210, rechts)
Auf dem Bild von 1956 sieht man Edo Reverts (210, rechts) mit einem Saisonangestellten aus Rothenburg. Um 1950 waren auf Norderney die ersten DKW-Kastenwagen (Schnelllaster) mit einem besonderen Kennzeichen als Postautos und im Paketdienst im Einsatz. Das Kennzeichen DB (Deutsche Bundespost) kam später. Reverts hatte Führerscheinklasse III und war Fahrer des Postwagens.

Villa Oterendorp
Die Familie Claas Geers van Oterendorp ist um 1865 von Holland über Norden nach Norderney gezogen. Er war Kaufman und Fischhändler und gründete in der Wedelstraß (jetzt Haus der Insel) eine Gastwirtschaft. 1877 hat er den Norderneyer Fischeraufstand, der sich gegen holländische Fischer richtete, mit entfacht. Claas van Oterendorp hatte sechs Kinder. Der Sohn Karl Gerhard (209) baute um 1911 das Hotel "Villa Oterendorp" Ecke Strandstraße / Damenpfad. Sein Bruder Johannes bewirtschaftete später das Haus im Damenpfad 11, die Gastwirtschaft "Blühende Schifffahrt" mit eigenem Verkaufswagen, in dem die Ware mit Stangeneis vom Schlachthof gekühlt wurde.

Zicki Rath (207)
Jakob Rath, Schmiedestraße 13, war Zimmermann. Er hatte ein schmales Gesicht mit einem sogenannten Ziegen-Bart, wie auf einem Feuerwehrfoto von 1905 zu sehen ist (Chronik Norderney). Wahrscheinlich erhielt er seinen Beinamen von seinen Feuerwehrkameraden. Wie es oft auf Norderney üblich war, wurde dieser Beiname seinen Söhnen und deren Nachkommen weitervererbt.

Jap Grien (208)
Jakob Weber, Fiskalisches Gebäude 3 (Argonnerwäldchen), war Fischer und hatte immer ein freundliches Lächeln (Grien = Grinsen) auf den Lippen. Weber war ein ruhiger Mensch.

Methusalem (209)
Karl von Oterendorp,Damenpfad 11, war Gastronom und hatte an der Ecke Strandstraße zum Damenpfad ein Hotel. Heute ist dort ein Hutgeschäft. Gegenüber führte er zudem das Restaurant "Blühende Schifffahrt", heute ein italienisches Restaurant. Von Oterendorp verkaufte in seinem Restaurant auch Sekt in größeren Flaschen, die meist biblische Namen trugen. So hießen die Acht-Liter-Flaschen "Methusalem". Außerdem zierten viele alte Verschnörkelungen sein Hotel. So bekam er von den alten Norderneyern, die bei ihm sein Bier und Korn tranken, den Beinamen "Methusalem".

Tosca Ede (210)
Edo Reverts,Frisiastraße 7, war Postangestellter. Reverts benutzte nach dem morgendlichen Rasieren das Parfüm "Tosca" aus dem Hause "4711". Ungewöhnlich für die Norderneyer war, dass er ein reines Frauenparfüm benutzte,welches einen kräftigeren Duft verbreitete, als das Kölnische Wasser 4711. Beim Austragen der Post in seinem Bezirk, wussten die Leute durch den angenehmen Geruch sofort, wer bei ihnen vor der Tür stand.

Titus (211)
Theo Rass, Bürgermeister-Berghausstraße 57 (heute Jann-Berghaus- Straße, Fahrradgeschäft Molly), war ledig und wohnte bei seiner Mutter Hiema. Im Sommer betrieb er den Esel- und Ziegenstall (s. Geschichte). Sein Beiname "Titus" ist heute nicht mehr zu ergründen. Vielleicht entstand sein Name, weil er Werbung für die Sparta-Creme von 4711 machte. Auf dem Dosendeckel war der Kopf des römischen Kaisers Titus abgebildet.


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